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<title>Extraktivismus</title>
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<h1 id="firstHeading" class="firstHeading mw-first-heading"><span class="mw-page-title-main">Extraktivismus</span></h1>
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<div id="mw-content-text" class="mw-body-content mw-content-ltr" lang="de" dir="ltr"><div class="mw-content-ltr mw-parser-output" lang="de" dir="ltr"><p>Als <b>Extraktivismus</b> (von <a href="Latein" title="Latein">lateinisch</a> <i>ex-trahere</i> „herausziehen“; <i>ex-tractum</i> „das Herausgezogene“) bezeichnet man Formen der <a href="Wirtschaft" title="Wirtschaft">Wirtschaft</a> in der <a href="Herrenlosigkeit" title="Herrenlosigkeit">herrenlosen</a> <a href="Wildnis" title="Wildnis">Natur</a>, bei denen natürliche Ressourcen (etwa Bodenschätze, wildlebende Pflanzen oder Tiere) entnommen, genutzt und vermarktet werden.<sup id="cite_ref-1" class="reference"><a href="#cite_note-1"><span class="cite-bracket">[</span>1<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Der Begriff leitet sich von den „<a href="Traditionelle_Wirtschaftsform#Extraktive_Wirtschaftsformen_(Wildbeuter_und_Feldbeuter)" title="Traditionelle Wirtschaftsform">extraktiven Wirtschaftsformen</a>“ her. So werden bisweilen die <a href="Subsistenzwirtschaft" title="Subsistenzwirtschaft">subsistenzwirtschaftlich</a> orientierten Unterhaltsstrategien traditioneller <a href="J%C3%A4ger_und_Sammler" title="Jäger und Sammler">Jäger, Sammler</a> und <a href="Fischer_(Beruf)" title="Fischer (Beruf)">Fischer</a> bezeichnet. Im Gegensatz dazu steht der Begriff <i>Extraktivismus</i> für die <a href="Erwerbswirtschaft" title="Erwerbswirtschaft">erwerbswirtschaftlich</a> orientierten Formen aneignenden Wirtschaftens.
</p><p>Zum Extraktivismus gehören jedoch auch sämtliche nicht nachhaltigen bis hin zu <a href="%C3%9Cbernutzung" title="Übernutzung">Raubbau</a> treibenden Formen moderner aneignender Wirtschaftsformen, die auch als Neo-Extraktivismus bezeichnet werden.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Begriffsverwendung">Begriffsverwendung</h2></div>
<p>Die Begriffe des extraktiven Wirtschaftens (<i>extractive business</i>) oder der extraktiven Industrie beziehen sich auf den <a href="Urproduktion" title="Urproduktion">Primärsektor</a> eines Wirtschaftssystems und damit auch auf moderne Wirtschaftssysteme. Ein extraktives Wirtschaftssystem bezeichnet ein System, in dem die Primärproduktion (<a href="Ackerbau" title="Ackerbau">Ackerbau</a>, <a href="Viehzucht" class="mw-redirect" title="Viehzucht">Viehzucht</a>, <a href="Holzwirtschaft" title="Holzwirtschaft">Holzwirtschaft</a>, <a href="Fischerei" title="Fischerei">Fischerei</a>, <a href="Bergbau" title="Bergbau">Bergbau</a>) überwiegt, welche vor allem Bodenerträge nutzt und diese nur in geringem Umfang aufbereitet.<sup id="cite_ref-2" class="reference"><a href="#cite_note-2"><span class="cite-bracket">[</span>2<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Extraktivismus gilt ursprünglich als <a href="Nachhaltigkeit" title="Nachhaltigkeit">nachhaltige</a> Produktionsform in <a href="Dritte_Welt" title="Dritte Welt">Drittweltländern</a>.<sup id="cite_ref-3" class="reference"><a href="#cite_note-3"><span class="cite-bracket">[</span>3<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Vor allem bestimmte <a href="Indigene_V%C3%B6lker" title="Indigene Völker">indigene Völker</a> bestreiten ihren Lebensunterhalt – ganz oder teilweise – auf diese Weise. Die Chimane in Bolivien etwa öffnen die Stämme toter Bäume, von denen sie wissen, dass darin <a href="Honig" title="Honig">Honig</a> zu finden ist, um diesen zu ernten. Sie entnehmen einen kleinen Teil der Waben und verschließen anschließend das Loch wieder, womit sie den Fortbestand des Bienennestes sichern. Manche Nester werden auf diese Weise auch öfter zur Gewinnung von Honig aufgesucht.<sup id="cite_ref-4" class="reference"><a href="#cite_note-4"><span class="cite-bracket">[</span>4<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Häufig werden Pflanzenarten, die bislang nicht <a href="Domestizierung" title="Domestizierung">domestiziert</a> werden können und daher nicht angebaut werden, auf diese Weise verwertet (z. B. <a href="Paranuss" class="mw-redirect" title="Paranuss">Paranuss</a>, <a href="Naturkautschuk" title="Naturkautschuk">Kautschuk</a>, viele <a href="Speisepilz" title="Speisepilz">Speisepilze</a>).
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Neo-Extraktivismus">Neo-Extraktivismus</h2></div>
<p>In der jüngeren wirtschaftspolitischen Debatte wird der Begriff Extraktivismus mit deutlich negativer Konnotation verwendet: Er steht für eine auf <a href="Nat%C3%BCrliche_Ressource" title="Natürliche Ressource">Rohstoff</a>-<a href="Exportorientierung" class="mw-redirect" title="Exportorientierung">Export</a> und häufig auf <a href="Raubbau_(Natur)" class="mw-redirect" title="Raubbau (Natur)">Raubbau</a> begründete Nationalökonomie, die weitgehend auf die Weiterverarbeitung dieser Ressourcen verzichtet (sogenannter Neo-Extraktivismus).<sup id="cite_ref-5" class="reference"><a href="#cite_note-5"><span class="cite-bracket">[</span>5<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Das geschieht oft zum Nachteil <a href="Lokale_Gemeinschaften" title="Lokale Gemeinschaften">lokaler indigener Gemeinschaften</a> und der <a href="Biodiversit%C3%A4t" title="Biodiversität">Biodiversität</a>. Diese ursprünglich rechten Regierungen zugeschriebene Wirtschaftsform findet sich heute in „links“ sowie „rechts“ regierten Ländern. Während beispielsweise in Bolivien <a href="Evo_Morales" title="Evo Morales">Evo Morales</a> zu einer Verteidigung der Rechte von Indigenen und Kleinbauern antrat, wurden unter seiner Präsidentschaft genauso wie unter den Vorgängerregierungen vorwiegend extraktive Großprojekte gefördert.<sup id="cite_ref-6" class="reference"><a href="#cite_note-6"><span class="cite-bracket">[</span>6<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Die negativen ökologischen Folgen eines großmaßstäblichen (Neo-)Extraktivismus treten heute immer deutlicher zutage. Durch starke Preisschwankungen und Veränderungen der Nachfrage für Rohstoffe ist das Modell krisenanfällig und führt häufig zu wirtschaftlichen, politischen und sozialen Verwerfungen.<sup id="cite_ref-7" class="reference"><a href="#cite_note-7"><span class="cite-bracket">[</span>7<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p><a href="S%C3%A9rgio_Buarque_de_Holanda" title="Sérgio Buarque de Holanda">Sérgio Buarque de Holanda</a> weist in seinem Essay <i>Die Wurzeln Brasiliens</i> auf einen bezeichnenden Unterschied zwischen der spanischen und der portugiesischen kolonialen Expansion in <a href="Lateinamerika" title="Lateinamerika">Lateinamerika</a> hin: Während die Spanier unter dem Einfluss der <a href="Jesuiten" title="Jesuiten">Jesuiten</a> versuchten, ihre Kolonien quasi in eine zivilisierte und organische Extension des Mutterlandes zu verwandeln und dafür eine planmäßige Kontrolle über die gesamte Gesellschaft auch im Landesinnern auszuüben (was in den rechteckigen Stadtgrundrissen von Lima oder Mexiko-Stadt seinen Ausdruck fand – daher „Fliesenleger“), beschränkten sich die Portugiesen darauf, von der Küste aus sich nur den ohne viel Anstrengung erreichbaren Reichtum anzueignen. Die Metapher des „Sämanns“, der sein Saatgut im Wind verstreut und schaut, ob etwas (und was) daraus wird, sei für diesen Stil der Kolonialisierung treffend. Damit beschreibt Buarque de Holanda zwei verschiedene Stile des Extraktivismus: die planvolle Ausbeutung der natürlichen Ressourcen durch die Spanier (wie etwa in den Silberminen von <a href="Potos%C3%AD" title="Potosí">Potosí</a>) und die eher plan- und mühelose Aneignung jener natürlichen Ressourcen, die von der Küste aus kostengünstig ins Mutterland verschifft werden können, eine Politik, die nicht vom Bestreben, etwas Bleibendes zu schaffen, sondern nur vom unmittelbaren Nutzen der Händler und der portugiesischen Krone bestimmt war.<sup id="cite_ref-8" class="reference"><a href="#cite_note-8"><span class="cite-bracket">[</span>8<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Siehe_auch">Siehe auch</h2></div>
<ul><li><a href="Agroforstwirtschaft" title="Agroforstwirtschaft">Agroforstwirtschaft</a></li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Literatur">Literatur</h2></div>
<ul><li><a href="Ulrich_Brand_(Politikwissenschaftler)" title="Ulrich Brand (Politikwissenschaftler)">Ulrich Brand</a>, Kristina Dietz: <i>(Neo-)Extraktivismus.</i> In: Daniela Gottschlich, Sarah Hackfort, Tobias Schmitt, Uta von Winterfeld (Hrsg.): <i>Handbuch Politische Ökologie. Theorien, Konflikte, Begriffe, Methoden.</i> transcript, Bielefeld 2022, ISBN 978-3-8376-5627-5, S. 245–254 (<a rel="nofollow" class="external text" href="https://www.transcript-verlag.de/shopMedia/openaccess/pdf/oa9783839456279.pdf">Open Access</a>).</li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Weblinks">Weblinks</h2></div>
<ul><li>Hannes Warnecke-Berger, Jan Ickler: <i><a rel="nofollow" class="external text" href="https://www.exploring-economics.org/de/entdecken/the-political-economy-of-extractivism/">The Political Economy of Extractivism</a></i>. In: <i>Exploring Economics</i>, 2025</li>
<li><a rel="nofollow" class="external text" href="http://www.boell.de/de/dossier-neo-extraktivismus-lateinamerika"><i>Dossier: Neo-Extraktivismus in Lateinamerika</i></a>, <a href="Heinrich-B%C3%B6ll-Stiftung" title="Heinrich-Böll-Stiftung">Heinrich-Böll-Stiftung</a>, Juli 2014</li>
<li><a rel="nofollow" class="external text" href="https://extractivism.de/">Website des internationalen Forschungskooperation <i>Extractivism</i></a></li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Einzelnachweise">Einzelnachweise</h2></div>
<ol class="references">
<li id="cite_note-1"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-1">↑</a></span> <span class="reference-text">Ingo Rose, Lina-Sophie Al-Slaiman: <i>Aktueller Begriff Extraktivismus,</i> Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste, <a rel="nofollow" class="external text" href="https://www.bundestag.de/resource/blob/865274/78df15502d8f1ad4e7a5c269b72ddeab/Extraktivismus-data.pdf">PDF</a>, abgerufen am 25. Juli 2023.</span>
</li>
<li id="cite_note-2"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-2">↑</a></span> <span class="reference-text">Siehe z. B. <a rel="nofollow" class="external text" href="https://www.gemconsortium.org/file/open?fileId=50213"><i>Global Entrepreneurship Monitor 2018/2019</i></a>, S. 29.</span>
</li>
<li id="cite_note-3"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-3">↑</a></span> <span class="reference-text">Walter Hirschberg (Begründer), Wolfgang Müller (Redaktion): <i>Wörterbuch der Völkerkunde.</i> Neuausgabe, 2. Auflage, Reimer, Berlin 2005. S. 117–118.</span>
</li>
<li id="cite_note-4"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-4">↑</a></span> <span class="reference-text">François-Xavier Pelletie: <i>Wunderwelten: Bolivien - Die Bäume der Chimane-Indiane</i>. TV-Dokumentation, Frankreich 2005. Erstausstrahlung auf ARTE am 1. Mai 2007, 13:05.</span>
</li>
<li id="cite_note-5"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-5">↑</a></span> <span class="reference-text">Eduardo Gudynas: <i><a rel="nofollow" class="external text" href="http://www.gudynas.com/publicaciones/GudynasNeoExtraktivismStateKurswechsel2011.pdf">Neo-Extraktivismus und Ausgleichsmechanismen der progressiven südamerikanischen Regierungen.</a></i> (PDF-Datei; 185 kB) In: <i>Kurswechsel</i>. Nr. 3, 2011, S. 69–80.</span>
</li>
<li id="cite_note-6"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-6">↑</a></span> <span class="reference-text">Kristina Dietz: <cite style="font-style:italic">Neo-Extraktivismus</cite>. In: <cite style="font-style:italic">PERIPHERIE</cite>. <span style="white-space:nowrap">Nr.<span style="display:inline-block;width:.2em"> </span>132</span>, 2013, <span style="white-space:nowrap">S.<span style="display:inline-block;width:.2em"> </span>511–513</span>.<span class="Z3988" title="ctx_ver=Z39.88-2004&rft_val_fmt=info%3Aofi%2Ffmt%3Akev%3Amtx%3Ajournal&rfr_id=info:sid/de.wikipedia.org:Extraktivismus&rft.atitle=Neo-Extraktivismus&rft.au=Kristina+Dietz&rft.date=2013&rft.genre=journal&rft.issue=132&rft.jtitle=PERIPHERIE&rft.pages=511-513" style="display:none"> </span></span>
</li>
<li id="cite_note-7"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-7">↑</a></span> <span class="reference-text">Maristella Svampa: <cite class="lang" lang="es" dir="auto" style="font-style:italic">«Consenso de los Commodities» y lenguajes de valoración en América Latina</cite>. In: <cite class="lang" lang="es" dir="auto" style="font-style:italic">Nueva Sociedad</cite>. <span style="white-space:nowrap">Nr.<span style="display:inline-block;width:.2em"> </span>244</span>, 2013, <a href="Internationale_Standardnummer_f%C3%BCr_fortlaufende_Sammelwerke" title="Internationale Standardnummer für fortlaufende Sammelwerke">ISSN</a> <span style="white-space:nowrap"><a rel="nofollow" class="external text" href="https://zdb-katalog.de/list.xhtml?t=iss%3D%220251-3552%22&key=cql">0251-3552</a></span>, <span style="white-space:nowrap">S.<span style="display:inline-block;width:.2em"> </span>30–46</span> (spanisch, <a rel="nofollow" class="external text" href="https://redcolca.org/pdf/Svampa-consenso-de-los-commodities.pdf">redcolca.org</a> [PDF; abgerufen am 28. Dezember 2025]).<span class="Z3988" title="ctx_ver=Z39.88-2004&rft_val_fmt=info%3Aofi%2Ffmt%3Akev%3Amtx%3Ajournal&rfr_id=info:sid/de.wikipedia.org:Extraktivismus&rft.atitle=%C2%ABConsenso+de+los+Commodities%C2%BB+y+lenguajes+de+valoraci%C3%B3n+en+Am%C3%A9rica+Latina&rft.au=Maristella+Svampa&rft.date=2013&rft.genre=journal&rft.issn=0251-3552&rft.issue=244&rft.jtitle=Nueva+Sociedad&rft.pages=30-46" style="display:none"> </span></span>
</li>
<li id="cite_note-8"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-8">↑</a></span> <span class="reference-text">Sérgio Buarque de Holanda: <i>Die Wurzeln Brasiliens.</i> Suhrkamp, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-518-73042-3 (Originalausgabe: <i>Raízes do Brasil</i>, Rio de Janeiro 1936).</span>
</li>
</ol></div><!--htdig_noindex--><div><div class="zim-footer">
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